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Stolperschwelle

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Text aus AZ Andreas Görner, Bilder selbst

STOLPERSCHWELLE VOR DER ZOAR VERLEGT

 

Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig kam persönlich nach Heidesheim, um am Eingang des Evangelischen Diakoniewerkes Zoar die Stolperschwelle in den Boden einzulassen. Zusammen mit den Arbeitern des Bauhofes stemmte er das Verbundpflaster passgenau auf und setzte die knapp einen Meter lange Schwelle aus Beton und Messing mit eigener Hand ein. „Die Leute erwarten schon, dass ich selbst komme. Für mich bedeutet das, ich bin rund 280 Tage im Jahr unterwegs“, sagt Gunter Demnig.

 

Komplett spendenfinanziert

 

          foto selbst js

 

Eingraviert in die Messingauflage ist die Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Psychiatriegeschichte, die sogenannte Euthanasie. In den Kriegsjahren 1941 bis 1945 wurden in mehreren Aktionen insgesamt 73 Bewohnerinnen und Bewohner des Landesalters- und Pflegeheims Heidesheim auf Anordnung der Nazi-Oberen nach Hadamar „verlegt“ und dort mit Gas ermordet.

 foto selbst js

„Das gesamte Vorhaben wird mit privaten Spenden finanziert“, betont der 1. Beigeordnete Herbert Pieper, der allen Beteiligten für ihr großes Engagement dankte. „Für die Stolperschwelle brauchen wir 1700 Euro, für das Denkmal 5000 Euro. Die Ortsgemeinde Heidesheim hat ein Spendenkonto „Stolperstein-Schwelle“ bei der Sparkasse Rhein-Nahe eingerichtet. Wer die Verlegung der Stolperschwelle unterstützen will, kann auf dieses Konto spenden und auf Wunsch eine Spendenquittung erhalten.“

Jochen Schmidt hatte mit der Heidesheimer Gruppe Kultur und Politik die Initiative in den Ortsgemeinderat eingebracht, der dann vor zwei Jahren einstimmig beschloss, an drei Stellen in Heidesheim mit Stolpersteinen an die Verbrechen der NS-zeit zu erinnern. Nach dem Max-Holländer-Platz (die AZ berichtete) folgte nun die Einfahrt zum Zoar-Gelände. Mit Unterstützung der Verwaltungsleitung des Evangelischen Diakoniewerkes Zoar wird auf dem Gelände noch ein Denkmal, ein Dreieck aus Beton und Glas, errichtet und ein Buch zur Dokumentation der damaligen Verbrechen mit einer Liste der Opfer vorgelegt.

„Menschen mit psychischen Erkrankungen waren die ersten Opfer des Herrenmenschen-Wahns der Nazis“ erklärt Jochen Schmidt. „Mehr als 300 000 Menschen wurden zu sogenanntem unwerten Leben deklariert, verschleppt, für angebliche medizinische Experimente missbraucht und getötet. Allein 70 000 in einer einzigen, mit dem Kürzel T4 bezeichneten Aktion. Mit ihnen starben auch 50 Bewohner des Pflegeheimes in Heidesheim.“

foto selbst js

In 15 Ländern vertreten

„Angefangen hat alles im Mai 1990 mit einer aufgesprühten Erinnerungsschrift auf einer Kölner Straße“, sagt der Bildhauer Gunter Demnig. Dort waren genau 50 Jahre zuvor über 1000 Roma deportiert worden. „Die heutigen Anwohner konnten nicht glauben, dass alle diese Verschleppten in ihrer Straße lebten. So habe ich angefangen zu recherchieren und die ersten 200 Stolpersteine auf eigene Kosten verlegt. Ich wollte zeigen, dass ganz reale Menschen und Schicksale hinter jedem abstrakten Bericht stehen“. Mehr als 40 000 Stolpersteine und jetzt auch die Stolperschwelle hat der Künstler bis heute individuell geschaffen. Ein Lebenswerk, das in 15 europäischen Ländern Fuß gefasst hat.

SPENDENKONTO der Ortsgemeinde Heidesheim :  Kennwort "Stolperstein-Schwelle"  Sparkasse Rhein-Nahe   BLZ 560501 80     Nr. 170 785 69 

wens's noch interessiert :  die Rede von Jochen Schmidt unter weiterlesen

 

STOLPERSCHWELLE     HEIDESHEIM    ZOAR

Denkmal für die Opfer der sogenannten „Euthanasie-Aktion T 4“ 1940/41

Der sogenannten „Euthanasie-Aktion” der Nationalsozialisten fielen während des Zweiten Weltkriegs mehr als 300.000 psychisch Kranke und Menschen mit Behinderungen zum Opfer. Sie galten als „lebensunwert”. Allein in den staatlichen Heilanstalten starben bis Kriegsende mindestens 90.000 Patienten durch Hunger und schlechte Versorgung oder sie wurden mit Medikamenten ermordet. Mehr als 70.000 Männer, Frauen und Kinder wurden 1940/41 in der Geheimaktion „T4” in sechs Vernichtungsanstalten vergast.

In der Tiergartenstraße Nr. 4 in Berlin (daher die Abkürzung „T4”) wurde der Massenmord zentral organisiert.


Die Vernichtungsanstalten waren Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hartheim bei Linz, Sonnenstein und Hadamar.

Das Personal dieser Tötungsanstalten arbeitete später in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor und Belzec. Es gibt kaum eine größere Gemeinde in Deutschland, in welcher nicht Opfer des organisierten Krankenmordes zu beklagen sind. Psychisch Kranke und behinderte Menschen waren die ersten Opfer eines systematischen, von langer Hand vorbereiteten Ausrottungsplans, der sich gegen Kranke und vom NS-Regime als rassisch minderwertig Verleumdete richtete.

Wir gedenken der Opfer  aus Heidesheim mit dem Einbringen einer Stolperschwelle. Das ist eine Pflicht der Mitmenschlichkeit, um den Menschen ihre Würde und ihre Menschlichkeit zurückzugeben, derer sie durch die Naziideologie beraubt wurden.  Es lebten damals über 300 Patienten in diesem Heim, das sich „Alters- und Pflegeheim Heidesheim“ nannte. Uns sind bis heute 73 Menschen bekannt, die von Heidesheim nach Hadamar deportiert wurden und dort ermordet wurden. 53 wurden 1941 in Hadamar  vergast . In den Jahren 1942 bis 1945 wurden noch weitere 20 Heidesheimer Patienten deportiert und dem gezielten Hungertod ausgesetzt. Das geschah vornehmlich in Goddelau  unter dem Begriff   der sogenannten Euthanasie. 41 Schicksale konnten bis heute nicht geklärt werden.

Unter den 143 namentlich bekannten Ermordeten und verstorbenen Patienten dieser Jahre befinden sich 7 gebürtige Heidesheimer. Ein Heidesheimer wurde nachweislich in Hadamar ermordet, zwei starben während der Verlegungen 1939/40, eine vermutlich 1943/44 nach einer Verlegung von Goddelau auf den Eichberg, einer überlebte, das Schicksal von zweien ist unbekannt.

Die ahnungslosen Menschen wurden in eigens für diesen Todestransport hergerichteten sogenannten „Grauen Busse“ zunächst nach der Heilanstalt auf dem Eichberg transportiert und von dort aus in die Vernichtungsanstalt von Hadamar.

Das „Denkmal der grauen Busse” erinnert an die Todestransporte der Patienten nicht allein aus Heidesheim. Die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz haben dieses Mahnmal 2006 für das Zentrum für Psychiatrie Die Weissenau bei Ravensburg geschaffen. Ein in Originalgröße in Beton gegossener Bus des gleichen Typs, wie er in den Jahren 1940 und 1941 von den Pflegeanstalten zu den Vernichtungslagern fuhr, erinnert an den Massenmord. Dem Denkmalbus eingeschrieben ist das Zitat: „Wohin bringt Ihr uns?”, die überlieferte Frage eines Patienten.

Aus einer Fernsehdokumentation des Hess. Rundfunks:

 

Man konnte aus den grauen Bussen heraus, auch wenn man nichts sehen konnte, weil die Fenster ja verhangen waren, ab und an konnte man Stimmen hören. Es ist sehr wohl aufgefallen, dass diese Busse, weil sie schon von der Optik her ungewöhnlich waren, sozusagen vollbepackt den Berg rauf und leer wieder runter kamen. Es gibt ja so Erzählungen von Hadamarern aus dieser Zeit, so das Sprichwort: „Oh pass auf, da kommen wieder die Mordkisten“. Oder so Sprüche, wenn hier das Krematorium in Betrieb war: „Ach schwätz doch nicht so dumm daher, sonst kommst du da oben auch in den Backofen“

Die Nazis haben das nicht neu erfunden, sondern das gab es alles als Gedanken, als Ideologie, als Forderung in der Gesellschaft, nicht nur ein kleiner Club, sondern das war schon breit angelegt, dieser eugenische Gedanke, dieser rassehygienische Gedanke war angelegt gerade bei Naturwissenschaftlern, Biologen, Medizinern, die haben das alle vehement gefordert, auch bei den Soziologen. Und die Nazis, die setzen das dann um, was angedacht war, die radikalisieren das und setzen das letzten Ende um.

 

Bereits am 1. Januar 1934, Hitler war gerade 11 Monate an der Macht, trat ein Gesetz zur Zwangssterilisation in Kraft. Fünfeinhalb Jahre später, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, ging ein Geheimerlass zur Kindereuthanasie an Kliniken und Hebammen. Schlüsselbegriffe wie „nicht mehr entwicklungs- und bildungsfähig“ ebneten den Weg zum angeblichen Gnadentod für schwerstbehinderte Kinder.

Parallel dazu wurde eine großangelegte Euthanasiemord-Aktion an Psychiatriepatienten geplant, die „T4-Aktion“ - benannt nach dem Sitz der Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße

Im Rahmen der „T4-Aktion“ wurden übers Deutsche Reich verteilt insgesamt 6 Euthanasie-Gasmordanstalten eingerichtet: alle – bis auf eine – waren zuvor Einrichtungen zur Pflege und Betreuung behinderter und psychisch kranker Menschen gewesen, darunter auch die Landesheilanstalt Hadamar. Nun dienten sie ausschließlich der Ermordung.

 

Diese Tötungsanstalten sind umgebaut worden zu Tötungsanstalten, das heißt es wurden Gaskammern eingebaut. Es wurden Einäscherungsöfen eingebaut, es musste ein großer Kamin gebaut werden, es mussten Räumlichkeiten geschaffen werden für das Personal, denn das sollte in der Mehrzahl in der Anstalt übernachten und wohnen und nicht außerhalb, das heißt, diese Anstalten waren nicht mehr geeignet für die Aufnahme, das heißt Übernachtung, Verpflegung von Patienten, deshalb auch starben die Patienten am Tag ihrer Ankunft, nach paar Stunden waren sie tot.

Nur mit einem Fragebogen wurde ermittelt: Fünf Jahre und länger in einer Anstalt, arbeitsunfähig, kaum oder keine Kontakte zur Familie.

Es gab unten links ein schwarz umrandetes Kästchen, dort hatte der Gutachter entweder ein rotes Kreuz für Tod oder einen blauen waagerechten Strich für „darf weiterleben“ einzutragen.

 

Die so ausgewählten Patienten brachte man zunächst in Zwischenanstalten, für Hadamar waren das unter anderem Heil- und Pflegeanstalten in Scheuern, Herborn, Weilmünster UND  Eichberg. Von dort ging es auf Abruf weiter nach Hadamar.

 

6. März – 76 Patienten Weilmünster

7. März – 75 Patienten Herborn

10. März – 81 Patienten Weinsberg

 

Beinahe täglich fuhren die grauen Busse der T4-Organisation in Hadamar hoch auf den Mönchberg. In einer schummrigen Busgarage auf dem Gelände der Landesheilanstalt Hadamar stiegen die Patienten aus und wurden durch einen unterirdischen, uneinsehbaren Schleusengang in das angrenzende Gebäude geführt. Hier mussten sie sich auskleiden und wurden dem Arzt vorgestellt. In einer fingierten ärztlichen Untersuchung entschied dieser, bei welchen Patienten später die Gehirne zu Forschungszwecken entnommen und an die Unikliniken in Frankfurt, Heidelberg und Würzburg geschickt werden sollten. Diese Patienten wurden gekennzeichnet. Er legte außerdem fest, an welcher natürlichen Ursache der jeweilige Patient offiziell sterben würde. Anschließend wurden die Patienten in den Keller gebracht, angeblich zum Duschen.

 

9. Mai – 90 Patienten Eichberg

12. Mai – 88 Patienten Herborn

13. Mai – 91 Patienten Scheuern

 

Zu den Opfern in Hadamar gehört auch Paula B. Die 49Jährige litt an epileptischen Anfällen infolge eines Nervenzusammenbruchs, den sie bei einem Fliegerangriff im Ersten Weltkrieg erlitten hatte. Sie galt als kriegsgeschädigt und kam in den 30er Jahren in psychiatrische Behandlung, 1938 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Hildesheim. Weil sich ihr Zustand nicht zu bessern schien, ließ sich ihr Mann von ihr scheiden, eine damals gängige Praxis. Zu ihrer Tochter hielt die Mutter Kontakt. Regine Gabriel, pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar, berichtet von der überlieferten letzten Begegnung zwischen Paula B. und ihrer damals 15jährigen Tochter:

 

Ostern 1941 trifft Paula B. ihre Tochter Margot noch einmal und sagt zu ihr:

„Margot, hier gehen Dinge vor, ich kann es Dir nicht sagen, du bist noch zu jung, aber sag Deinem Vater, er soll mich hier sofort rausholen. Ich will arbeiten, und wenn mir das Blut aus den Fingernägeln kommt. Aber raus!“ Beim Abschied sagte die Mutter dann: „Ob ich dich noch einmal wiedersehe?“

 

Das war am 13. April. Ende Mai kam die Todesnachricht mit Sterbeurkunde aus Hadamar. Paula B. sei, so hieß es dort, am 20. Mai 1941 an Bauchfellentzündung und Gallenblasenempyem verstorben – in der Gaskammer ermordet wurde sie mit Sicherheit einige Wochen früher. Denn das anstaltseigene Standesamt verschob das offizielle Sterbedatum ganz gezielt auf einen späteren Zeitpunkt.

Zum einen wollte man die Morde damit verschleiern. 80 Tote an einem Tag in der Landesheilanstalt – das wäre aufgefallen.

 

Das hat aber den gewollten Nebeneffekt gehabt, - die Psychiatriepatienten waren zum großen Teil Sozialhilfeempfänger, das ist heute kaum anders. Der jahrelange Aufenthalt in einer Pflegeanstalt wurde von der öffentlichen Hand bezahlt, das waren damals die Fürsorgeverbände -, dass man diesen Fürsorgeverbänden diesen offiziellen Sterbezeitpunkt natürlich auch mitteilen musste. Natürlich musste man dann bis zu diesem Zeitpunkt auch die Pflegegelder kassieren. Auf die Art und Weise hat die T4-Zentrale Millionen an Reichsmark eingenommen, mit denen sie diese Aktion auch finanziert hat. Da war ja Personal beschäftigt, hier in Hadamar rund 100 Personen, die Tötungsanstalten hatten Busse, die mussten gewartet werden, unterhalten werden usw., das kostete ja alles Geld.

 

Die Opfer finanzieren ihre eigene Ermordung- ein perfides, grausames System.

In Hadamar feierte man die 10tausendste Leiche mit Freibier.

 

Es wird erzählt, dass bei der 10.000. Leiche, bevor man sie verbrannt hat und auf diese Bahre gelegt hat, um sie dann in den Ofen zu schieben, dass man die irgendwie so ein bisschen dekoriert hat und dass sich von den Brennern einer so als Pastor hingestellt hat und ne Leichenrede geredet hat und dann hat man diese Leiche unter Jubel verbrannt und es gab ein Freibier für alle.

 

Von den persönlichen Schicksalen der Heidesheimer Patienten ist uns wenig bekannt, so dass wir heute nicht darüber berichten können, welche Diagnose, nach welcher Geschichte sie den Weg in das Heim in Heidesheim antreten mussten. Wir wissen aus vielen Aufzeichnungen, dass eine psychische Auffälligkeit natürlich an den damaligen gesellschaftlichen Normen gemessen wurde. Das ist auch heute noch so und wird sich in der Zukunft nicht ändern. Die brutale Schicksalhaftigkeit die zu dem Mord an den 73 Menschen führte, ist allein der Ideologie der Naziverbrecher zuzuschreiben, die von „lebensunwertem“ Leben sprachen um sich selbst zum Herren über Leben und Tod zu erheben.

 

Wir verneigen uns heute vor den Menschen, die in Heidesheim nicht die Geborgenheit und Zuflucht finden konnten, die ihnen sicherlich angemessen gewesen wäre.

 

Die Namen der Opfer werden wir in einem Buch unvergessen machen, dass nach der Einweihung eines Denkmals einsehbar sein wird.

 

 

Aktualisiert ( Donnerstag, den 07. November 2013 um 21:06 Uhr )