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MAINZER STRASSE

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E.K. Jung

 

UNERTRÄGLICHE WOHNSITUATION

 

 

 

 

 

 

Ich sage es Ihnen lieber gleich: Ich bin eine Zugereiste, seit 1998.Von einheimischen Ureinwohnern habe ich mir anhören müssen,dass jeder, dessen Familie nicht bereits seit 300 Jahren in Heidesheim ortsansässig ist, als Zugereister gilt.Ich bin zudem Protestantin - der gesellschaftliche Selbstmord! Obendrein bin ich kinder- und hundelos, was zur Folge hat, dass ich eigentlich nur meine Nachbarn in der Mainzer Straße kenne. Wir sind ein bunter Mix aus alteingesessenen Heidesheimern und anderen Zugereisten, samt Kind und Hund.

So unterschiedlich wir sind, uns alle verbindet eines:Wir haben es satt, dass mindestens 8.000 Fahrzeuge täglich und pausenlos durch unsere Straße donnern, ohne eine einzige Sekunde der Ruhe.

 

 

 

 

 

 

Martin W. lebt seit 82 Jahren in der Mainzer Straße. „Meine Mutter war die erste Heidesheimerin, die den Führerschein hatte“, erzählt er mir, in seinem Wohnzimmer mit schallgeschützten, subventionierten Fenstern. „Damals fuhr ein Auto innerhalb einer Viertelstunde hier durch.“ Martin W. hat als Kind auf der Mainzer Straße gespielt, hat jede Veränderung, jeden neuen Straßenbelag miterlebt. Doch er stammt aus einer Generation, die nicht mit Formen des Protests aufgewachsen ist. „Ich würde Ihnen meine Unterschrift zum Bau einer Entlastungsstraße geben“, sichert er mir allerdings zu. Denn obwohl Martin W. fast nichts mehr hört - was vermutlich ein Segen ist, wenn man 82 Jahren in dieser mörderischen Straße gelebt hat, sieht er sehr gut, wie sich der Verkehr verdichtet hat. Und er fährt noch Auto, kennt die Situation, wenn er aus seiner Ausfahrt auf die Mainzer Straße will.

 

 Links zum Thema:

http://www.facebook.com/home.php?sk=group_165214640208600&ap=1
http://www.wer-kennt-wen.de/club/35x2ic6a/

 

 

 

 

Einigermaßen schockiert reagiere ich auf das, was Anwohner Volker R. mir erzählt. 50 Jahre lebe er an dieser Hauptstraße, sagt der Heidesheimer, und seit 30 Jahren tue sich nichts zu ihrer Entlastung, trotz vielfacher Anläufe aus den unterschiedlichsten politischen Lagern. Volker R. hat schon dreimal sein Haus neu anstreichen lassen. Innerhalb kürzester Zeit wurde es immer wieder verdreckt. „Wir hatten das doch alles schon, die Zählung der Fahrzeuge, die Vorschläge der Studenten von der Uni Kaiserslautern, wie man den Verkehr entzerren könnte“, berichtet er. „Nichts ist damit passiert.“ Und: „Es ist lebensgefährlich, hier zu wohnen“, sein Fazit. Genau das ist auch mein Eindruck und ich bekomme es mit der Angst zu tun.

 

Anwohner Gerald D., zugereist seit 1995, hat nur ein müdes Lächeln für die vorgeschriebene Bürgerpflicht, bis zur Straßenmitte zu kehren, übrig. „Ich bin doch nicht lebensmüde.“ Ich denke an meine Nachbarskinder und wie es gelingen mag, dass sie die Mainzer Straße überleben. Auch wenn man sie selten auf der Mainzer Straße sieht, es gibt diese Kinder und es werden immer mehr. Die Mainzer Straße: ein Wechsel der Generationen, denn die jüngeren Bewohner werden in absehbarer Zeit in der Überzahl sein. Und dann fällt mir wieder Martin W. ein, der früher als Kind auf der Mainzer Straße gespielt hat.

 

Das Riesen-Problem, das die Mainzer Straße hat, ist wohl, dass sich niemand wirklich für sie interessiert. Das könnte daran liegt, dass niemand, der etwas zu entscheiden hat, hier wohnt. Doch mit jeglichem Desinteresse an dem Thema ist jetzt Schluss: Ich und mehrere Anwohner haben uns gerade zusammengetan und eine Initiative gegründet, deren Name „Entlastungsstraße Heidesheim“ lautet. Auf facebook und wer-kennt-wen rotten sich gerade deren Fans zusammen. Sogar Gartenstraßen-Anwohner sympathisieren mit dem Vorhaben, die politisch Verantwortlichen in Heidesheim dazu zu bringen, endlich das Verkehrsproblem zu lösen. Kein Wunder: Jeder hat Angst, dass es bald noch mehr Verkehr geben wird, wenn das Gelände Fabrikstraße mit Reihenhäusern bebaut wird, für die keine eigene Zufahrt geplant ist. Dabei ist die Schmerzgrenze schon jetzt überschritten. Taunusstraßenbewohner dürften die nächsten sein, denen es stinkt.

 

Ich tauche weiter ein ins Thema und höre mehr als mir lieb ist. Wer da nicht alles schon einen eigenen Vorschlag gemacht hat, wo die Entlastungsstraße entlang gehen könnte. Wer die Straße bezahlen soll. Wem daran gelegen sein könnte, sie zu verhindern und warum. Wer wen mit welchen Argumenten bei Abstimmungen ausgebootet hat. Und wem es schlichtweg egal ist. Ihnen allen sage ich es jetzt noch Mal: Ich bin eine Zugereiste. Das erlaubt mir, völlig frei für die Verbesserung unserer Lebensqualität in der Mainzer Straße einzutreten. Doch ich tue es nicht allein. Vielen Alteingesessenen stinkt es genauso. Unterschätzen Sie uns Anwohner und unsere Wut besser nicht.

 

Aktualisiert ( Sonntag, den 14. August 2011 um 12:29 Uhr )