Noch wirklich ein Dorf des Weines?

Mittwoch, den 05. Dezember 2012 um 13:55 Uhr Hermann-Josef Berg
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Ein Blick in die Heidesheimer Weinszene / Hobbywinzer als Motor

Mittwoch 07.03.


Ob zum Jubiläum 1250 Jahre Heidesheim, zum Erntedankfest oder anderen feierlichen Anlässen, die Nordrheinhessen-Gemeinde wirbt stets mit dem Slogan „Dorf des Spargels, des Obstes und des Weines“. Doch wie ist es aktuell um die Heidesheimer Weinkultur bestellt?

Schon ein Blick in die Agrarstruktur-Angaben des Statistischen Landesamtes Rheinland-Pfalz zeigen: In Sachen Wein ist in Heidesheim heute nicht mehr viel los. Für die Ortsgemeinde werden gerade noch einmal sieben Weinbau-Betriebe mit mindestens 0,3 Hektar bestockter Rebfläche ausgewiesen (diese amtlichen Zahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2007). Summa summarum stehen 38 Hektar zur Ernte zur Verfügung. Die Weißweinsorten lagen demnach mit 50,5 Prozent der Anbaufläche leicht vorne, doch der Rotwein-Boom der letzten Jahre könnte hier die Werte verdreht haben.

Toplage „Steinacker“
Die Heidesheimer Rebstöcke stehen ausschließlich in der Großlage Kaiserpfalz. Sie zählen zu den Einzellagen Höllenberg (Richtung Osten), Steinacker (Richtung Wackernheim) und Geißberg (Richtung Westen), wie der Weinatlas des Deutschen Weininstitutes in Mainz ausweist. Dabei muss der Steinacker mit seinem tiefen, trockenen und eben steinigen Boden als Toplage – insbesondere für den Riesling  – angesehen werden. Auch Ingelheimer Winzer nutzen das Heidesheimer Terroir.

Jungwinzer Fehlanzeige, Lehrer Kühne geht voran
Doch während immer mehr (junge) Winzer mit ihren Kreszenzen aus dem nördlichen Rheinhessen in der Weinszene für Furore sorgen, zeigt sich in Heidesheim fast keine Regung. Jungwinzer – Fehlanzeige. Weinqualität – mäßig.

 


Von den bestehenden Weingütern wie Klaus Diehl und Herbert Arnold hört und sieht man wenig. Lediglich der Betrieb von Hermann Geins tritt auch in der Heidesheimer Öffentlichkeit, bei Festen, in Erscheinung.

Seit nunmehr einigen Jahren scheint lediglich Jens Kühne (46) der auffälligste und agilste Winzer dieses vermeintlichen Weindorfes zu sein. Der gebürtige Mainzer, gelernte Koch und derzeitige Lehrer für Service und Ernährung an der Berufsfachschule in Bingen hat sein Hobby-Handwerk Mitte der 1990er Jahre beim renommierten Weingut Weidenbach (Mett-Weidenbach) in Ingelheim gelernt. Know-how sammelt er heute nicht zuletzt von dem mehrfach ausgezeichneten Ingelheimer Öko-Winzer Arndt Werner.

In Edelstahl und Barrique-Fässern baut Kühne seinen Silvaner, Riesling, Weiß-, Früh-, Spätburgunder und Shiraz aus. Sein Credo: „Gesunde Trauben – gutes Lesegut ist die Voraussetzung für guten Wein!“ 70 Prozent der Erzeugnisse werden „ab Hof“ verkauft, überwiegend an Privatkunden. Von Jens Kühne stammt auch auch der Heidesheimer Jubiläumswein, ein trockener 2009er Spätburgunder aus dem Steinacker.

Erfolgsmodell Harmonie von Speisen und Wein
Der Erfolg des Hobbywinzers und seiner Frau gründet sich auch auf die gelungenen Bemühungen, Wein und Speisen in Harmonie zu bringen. Ihre Veranstaltungen – etwa ein kulinarisches Weihnachtsmenü oder andere Themenabende – finden große Resonanz und sind nicht selten Monate vorher bereits ausgebucht. Auch das Hoffest in dem kleinen Anwesen in der Gartenstraße ist mittlerweile ein Renner.

Ob ein Heidesheimer Wein jemals auf der Speisekarte im der neuen „Sandhof“-Gastronomie von Sternekoch Dirk Maus stehen wird, ist fraglich. Was dem historischen Weinbaudorf (immerhin schon 762 erwähnt) gut tun würde, wären junge Winzer mit zeitgemäßen Ideen.

 

 

Aktualisiert ( Freitag, den 07. Dezember 2012 um 20:47 Uhr )