Weltfrauentag

Samstag, den 08. März 2014 um 14:07 Uhr Jochen Schmidt
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aus"Neues Deutschland"
Von Ulrike Henning
08.03.2014
 

Vor 20 Jahren: Frauenstreiktag

1994 protestierten erstmalig Frauen aller Bundesländer gemeinsam gegen Ungleichheit. Eine Erinnerung.

Marion Neef, gerade 57 Jahre alt geworden, erinnert sich gut an den ersten gesamtdeutschen Frauenstreiktag von 1994: »Wir Frauen aus Ostberliner Projekten besetzten mit vielen aus dem Westteil der Stadt die Kreuzung am Frankfurter Tor. Wir waren über 1000 Frauen!« Das überraschte die Organisatorinnen am Morgen des 8. März 1994 selbst, zu denen auch Neef gehörte. »Und alles ohne Handy und Internet!«

Am damaligen Sportkaufhaus hing ein großes lilafarbenes Transparent. Und die Polizei sorgte für eine »Drei-zu-Eins-Betreuung«, erinnert sich Neef. »Besonders auf die Frauen mit kleinen Kindern hatten sie es abgesehen.« Neef, selbst Mutter von vier Kindern, verlor schnell nach dem Mauerfall ihre Arbeit in der VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow als Elektromechaniker. »Das -in am Ende der Berufsbezeichnung kam erst später«, schiebt sie nach. Neef war von Anfang an im Unabhängigen Frauenverband (UFV) dabei und ahnte, dass sich für die Frauen im neuen System vieles zum Schlechten wenden würde. Es gelang nicht, die Abtreibungsregelung der DDR mit in die erweiterte BRD zu nehmen, so wie es sich auch westliche Feministinnen gewünscht hatten. Die Niederlage frustriert noch heute.

Die Historikerin Gisela Notz begann den 8. März 1994 mit einer Veranstaltung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. »Dort gab es ein Frauenfrühstück.« Als nächstes eilte sie in die Bonner Innenstadt, wo sie in einem Kaufhaus die schlechten Bedingungen der Verkäuferinnen anprangerte. Dann ging es weiter mit der Bahn zu einem Vortrag nach Saarbrücken. »Auch dort waren die Frauen auf der Straße«, erinnert sich die Sozialwissenschaftlerin, die den Streiktag mitinitiiert hatte. Schon im Herbst 1992 gab es den ersten Aufruf. Überall entstanden lokale und regionale Streikkomitees, die bereits vor dem 8. März 1994 unzählige Veranstaltungen organisierten: Sie zeigten einen Film über den Schweizer Frauenstreik 1991, verteilten Flugblätter und Postkarten, sammelten Unterschriften für die Streichung des Paragrafen 218 zum Schwangerschaftsabbruch. Die politischen Forderungen lesen sich wie ein Kompendium der Frauenbewegung: Der Kampf galt unter anderem dem Abbau von Grundrechten und Sozialleistungen, es ging gegen Umweltzerstörung und Kriegsbeteiligung, gegen sexistische Gewalt, man stritt für die Rechte von Flüchtlingen und Migrantinnen und für die Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.

 

Tatsächlich niedergelegt wurde die Arbeit nicht, da dies von den Gewerkschaften auch aus juristischen Gründen abgelehnt wurde. Dennoch riefen viele Gewerkschafterinnen auch auf eigenen Plakaten zum Frauenprotesttag auf.

Die Aktionsform wurde zu einer von vielen Konfliktlinien, die sich bereits in der Vorbereitung des ersten gesamtdeutschen Frauenstreiks zeigten. Nicht wenige Frauen verweigerten an diesem Tag auch unbezahlte Arbeit, die sie im Rahmen von Beziehung und Familie oder Ehrenamt leisteten. So gehörten zum Aktionstag Anzeigentexte wie »Lieber Jochen, musst Dir Deine Semmelklöße selber kochen.«

Die Differenzen um Ziele und Aktionsformen erklären sich schon aus dem breiten Spektrum der Beteiligten von Autonomen bis zu Parteipolitikerinnen. Radikalen Linken ging vieles schon in der Analyse nicht weit genug. Bürgerliche verweigerten die Unterstützung, so auch die damalige Bundesfrauenministerin Angela Merkel, die lieber die geplante Kabinettssitzung besuchte. Dennoch war ein bundesweites Bündnis entstanden, dass in dieser Breite nicht wieder erreicht wurde. Für Gisela Notz ist das eine der Fragen - neben vielen unerfüllten Forderungen -, die sich bis in die Gegenwart ziehen. Aber es gebe auch keine »Allerweltsbasenschaft«, zitiert sie Clara Zetkin.

Marion Neef erinnert sich an das »anstrengende Zusammenraufen« mit den Westfrauen: »Damals fehlten gemeinsame Organisationen und Sprache noch.« Auf einer der Folgekonferenzen zum Streik 1995 in Kassel wurde schließlich die feministische Partei DIE FRAUEN gegründet, zu der Neef bis heute gehört. Die Entscheidung zur Parteigründung trugen aber die meisten Feministinnen nicht mit. Sie wollten weiterhin außerparlamentarisch aktiv sein. Der erhoffte Beginn einer starken gemeinsamen deutsch-deutschen Frauenbewegung blieb jedoch aus, Strukturen lösten sich auf, darunter 1998 der Unabhängige Frauenverband.

Die Ungerechtigkeiten haben jedoch Bestand: bei der Entlohnung und Anerkennung von Gratisarbeit, der schlechteren Lohntarife, der Subventionierung der kinderlosen Ehe und des Hausfrauenmodells. »Viele junge Frauen, mit denen ich gesprochen habe, wunderten sich, wie aktuell die damaligen Forderungen sind«, bemerkte Gisela Notz bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Zugleich finden sich Jüngere mit feministischen und anti-sexistischen Forderungen zusammen, es gibt heute eine bundesweite Demonstration, getragen von einem breiten Bündnis. Das freut sie. Aber: »Zur Beruhigung besteht kein Anlass!«